x-ALD, Gentherapie

Gentherapie stoppt seltene Kinder-Gehirnerkrankung

Die Gentherapie erfüllt die Hoffnung, eine seltene, tödliche Gehirnerkrankung bei Jungen im Kindesalter aufzuhalten. In einer neuen Studie, die beim jährlichen Treffen der AMERIKANISCHEN GESELLSCHAFT FÜR GEN- UND ZELLTHERAPIE (American Society of Gene and Cell Therapy) in Washington D.C., U.S.A. (04.-07.05.2016 ) präsentiert wurde, blieben 16 von 17 Jungen mit Adrenoleukodystropie (ALD) für bis zu 2 Jahre relativ gesund, nachdem ein modifizierter Virus in ihre Zellen geliefert wurde, um ein fehlendes Protein zu ergänzen, das vom Gehirn gebraucht wird. Die Ergebnisse, die auf eine frühere Pilotstudie näher eingehen, bringt diese ALD-Therapie einen Schritt näher zur Klinik.

Ungefähr einer von 21000 Jungen werden mit ALD geboren, was durch einen Fehler in einem Gen auf dem X-Chromosom hervorgerufen wird, das Zellen daran hindert, ein Protein zu bilden, das die Zellen benötigen, um bestimmte Fette zu verarbeiten – Frauen haben eine Sicherungskopie des Gens auf dem zweiten X-Chromosom (das die Jungen nicht haben, Mädchen können daher nicht an X-ALD erkranken). Ohne dieses Protein bauen sich die Fette auf und zerstören die Myelinscheiden nach und nach, die die Nerven des Gehirns schützen. In der zerebralen (das Gehirn betreffend) Form von ALD, die im Kindesalter beginnt, verlieren die Patienten schnell Sehkraft und Mobilität. Für gewöhnlich sterben sie im Alter von 12 Jahren.

Die Erkrankung fand 1992 gewissen Ruhm im Film „Lorenzos Öl“, inspiriert vom Kampf einer Familie, das Leben ihres Sohnes mit einem selbstgemachten Mittel zu verlängern.

Die einzige zur Zeit zugelassene Behandlung für ALD ist eine Knochenmarkstransplantation – weiße Blutkörperchen im Mark wandern zum Gehirn und wandeln sich in Gliazellen um, die normale ALD-Proteine produzieren. Knochenmarkstransplantationen bringen aber viele Risiken mit sich, darunter die immunologisch bedingte Abstoßung und dass passende Spender nicht immer gefunden werden können.

Als Alternative hatten französische Forscher in den späten 2000er Jahren die Knochenzellen zweier Jungen, die das ALD-Gen in sich trugen, mit einem modifiziertem Virus behandelt. Sie hatten 2009 in der Zeitschrift „Science“ berichtet, dass dies das Fortschreiten der Krankheit stoppte.

Forscher haben jetzt eine ähnliche Therapie in einer größeren Studie erprobt, die von der Biotech-Firma Bluebird Bio. gesponsert wurde. Die Forscher hatten Blutzellen von 17 Jungen im Alter von 4 bis 13 Jahren mit zerebraler ALD entnommen und diese Zellen mit einem modifiziertem HIV-Virus behandelt, das das Gen für das ALD-Protein enthielt. Sie hatten dann die Zellen wieder in den Patienten zurückgeführt.

Innerhalb von 6 Monaten hatten sich 16 Patienten stabilisiert, berichtete David Williams von der Harvard Universität – angeschlossen das Dana Farber Krebs Institut und das Boston Kinderkrankenhaus. In Gehinscans, die bis 2 Jahre später aufgenommen wurden, hatten die meisten keine weiteren Zeichen von Entzündungen oder Myelinverlust. Und 16 von 17 zeigten keine Zeichen von neurologischem Verfall, wie Verlust der Sehkraft oder Gehschwierigkeiten.

Williams hat die Ergebnisse „sehr spannend“ genannt. Keiner der Patienten zeigte Zeichen, dass die Gene sich an die falschen Stellen des Genoms einsetzen und ein unkontrolliertes Wachstum von einigen Zellen hervorruft – ein Problem, das zu Leukämie bei einigen Patienten in einer früheren Gentherapiestudie führte. (Ein Patient in der ALD-Studie hatte eine Blaseninfektion und ein anderer einen unregulären Herzschlag, der auf die Therapie zurückgeführt werden könnte, aber beide Patienten erholten sich wieder.)

Die Jungen sind nicht komplett gesund. Die Gentherapie macht die ALD nicht rückgängig und die Erkrankung kann nach ein paar Monaten nach Behandlung fortschreiten. Aber sie gehen zur Schule und leben normale Leben. „Der Schlüssel ist, dass früh transplantiert wird, früh, nachdem bei einem Kind ALD diagnostiziert wird“, sagt Williams.

Die Ergebnisse sind „sehr beeindruckend“, sagt Gentherapie-Forscherin Cynthia Dunbar des Nationalen Herz-, Lungen- und Blut-Instituts in Bethesda, Maryland, U.S.A. Sie bemerkt, dass die Studie auch eine riesige logistische Errungenschaft ist, da aufgrund der Seltenheit von ALD die Untersuchungen an sieben Stätten in fünf Ländern stattfanden, von wo die genetisch modifizierten Zellen von jedem Patienten verschickt wurden.

Bluebird muss darauf warten, bis alle Patienten aus der zweijährigen Behandlungszeit sind, bevor sie bei der U.S. Food and Drug Aministration (FDA) eine behördliche Genehmigung beantragen können. Obwohl Europäische Behörden schon ihre Zustimmung für eine Gentherapie für eine seltene Erkrankung gegeben haben und wahrscheinlich bald eine zweite folgt, muss die FDA noch eine einzige Gentherapie genehmigen.

 http://www.sciencemag.org/news/2016/05/gene-therapy-halts-rare-brain-disease-young-boys